4-4-2
10.10.2008, 20:06
09.10.2008, 16:37 Uhr
Bahadir: "Fatih Terim glaubt an mich!"
http://www.laola1.at/typo3temp/pics/1c54c6e32c.jpg Turgay Bahadir verteidigt sich: "Andreas Heraf hat übertrieben"
Wien – Turgay Bahadir sehnte sich nach Heimatluft.
Also setzte er sich kurzerhand in den Flieger, um wenigstens für einen Tag in Wien sein zu können. In seiner Stadt, bei seinen Verwandten und Freunden.
Es liegen nämlich aufregende Tage hinter Bahadir. Mit der Einberufung ins türkische Nationalteam wurde der 24-Jährige auch in seinem Heimatland Österreich schlagartig zum Thema.
Fatih Terim, legendärer Coach des EURO-Semifinalisten, höchstpersönlich wollte dem Legionär von Kayserispor eine Chance geben.
Ein Einsatz in der U21 des ÖFB verhinderte die Sensation (LAOLA1 berichtete (http://www.laola1.at/135+M513e3a7f341.html)). Nicht der einzige Tiefschlag für den Mittelfeldspieler, der jüngst gegen Star-Verein Fenerbahce traf und im UEFA-Cup Paris St. Germain forderte.
Ausgerechnet sein großer Förderer Andreas Heraf, der Bahadir bei den Rapid Amateuren, in Lustenau und Schwanenstadt coachte, meldete sich in einem LAOLA1-Interview (http://www.laola1.at/135+M5cc8ae5ccc9.html) kritisch über seinen ehemaligen Schützling, zu Wort.
Eine Enttäuschung. Und gleichzeitig höchste Zeit, dass der Betroffene die turbulente Geschichte seines Fußballer-Lebens aus seiner Sicht erzählen kann.
Im LAOLA1-Interview nimmt er zu den Aussagen Herafs Stellung, und spricht zudem über seine Unterredungen mit Terim, seinen kometenhaften Aufstieg bei Kayserispor, seine Jugendsünden und seinen nun wieder intakten Traum vom ÖFB-Team.
Und trotz allem betont er: „Ich mag Heraf sehr!“
LAOLA1: Um deine Person gab es in den letzten Tagen sehr viel Rummel…
Turgay Bahadir: Das stimmt. Zuallererst möchte ich auf das LAOLA1-Interview von Andreas Heraf eingehen. Meiner Meinung nach hat er sehr übertrieben. Normal müsste er stolz sein, dass ich das geschafft habe. Wenn ich so ein Problemkind wäre, hätte er mich nicht überall hin mitgenommen. Ich verstehe nicht, warum er auf einmal so ist.
LAOLA1: Inwiefern hat er übertrieben?
Bahadir: Zum Beispiel mit den Schuhen, die Richtung sein Gesicht geflogen sein sollen – das stimmt überhaupt nicht. Das mit dem Wagerl stimmt. Aber ich habe es nur weggeschubst – und das war’s. Das war der einzige Vorfall, aber den haben wir eigentlich schon geklärt. Ich finde, Andi Heraf ist wirklich ein guter Trainer. Ich mag ihn sehr. Aber ich habe jetzt nach Heraf auch andere Trainer gesehen. Im Jugendbereich ist er vielleicht wirklich erfolgreich, denn er sieht alle Spieler als Kinder. Das hat mir damals schon nie gefallen, weil er mich immer als ein Kind gesehen hat.
LAOLA1: Was meinst du damit, dass er Spieler als Kinder sieht? Gilt das auch für Routiniers?
Bahadir: Für jeden. Er ist wie das Wetter gewesen – einmal so, einmal so. Und zwar bei jedem Spieler. Wie gesagt: Ich finde, er ist ein guter Trainer. Aber wir wissen alle, dass es zum Beispiel bei Pasching nicht geklappt hat.
LAOLA1: Warum hat es für dich in Österreich nicht geklappt?
Bahadir: Ich habe leider nicht das Glück gehabt, in Österreich eine richtige Chance zu bekommen. Ich habe bei Verletzungen auch keine richtige Reha bekommen. Ich bin nie richtig fit geworden. Das hat mich nicht nur körperlich, sondern auch psychisch behindert. Ich lebe von meiner Fitness. Ich laufe gerne, bin ein Kämpfer. Wenn ich nicht fit bin, kann ich nicht die Leistung bringen. Bevor ich zu Schwanenstadt gegangen bin, hatte ich schon ein Angebot aus der Türkei. Ich sage nicht, dass ich es bereue, dass ich geblieben bin. Aber ich hätte vielleicht ein Jahr früher gehen können. Die Arbeit an der Fitness ist in der Türkei richtig gut.
LAOLA1: Zumindest besser als bei einem heimischen Erstligisten…
Bahadir: Ich war zum Beispiel in Karlsruhe bei Mike Steverding auf Therapie. Ich habe in Schwanenstadt wirklich nicht viel Geld verdient, auch davor in Lustenau nicht. Heraf hat zwar den Kontakt zu Mike Steverding hergestellt, aber ich musste alles selbst zahlen, und das war nicht wenig. Für eine Woche Therapie musste ich 1500 Euro bezahlen, das habe ich bei Schwanenstadt vielleicht im Monat verdient. Für mich war das schwierig. Ich bin selbst sieben, acht Stunden nach Karlsruhe gefahren. Ich habe wirklich eine super Therapie bekommen. Aber ich habe eine Muskelverletzung gehabt, mit der ich drei Monate nicht einmal einen Sprint setzen, ja nicht mal schießen konnte. Bis alles verheilt war, hätte ich vielleicht eineinhalb Monate in Karlsruhe bleiben müssen. Aber ich hatte keine Geduld und kein Geld mehr.
LAOLA1: Ist der Punkt Fitness ein Hauptpunkt, warum es für dich in der Türkei besser läuft?
Bahadir: Absolut! Ich habe bei Kayserispor ein Jahr lang richtig gut gearbeitet. Ich war jeden Tag im Fitness-Center, habe meine Muskeln gestärkt. Fußball ist Gedulds- und Kopfsache. Wenn man Geduld hat, kräftig und fit ist, kann man alles erreichen, was man will.
LAOLA1: Hat es auch geholfen, dass du dort ohne Vorurteile empfangen wurdest, keiner dein Image kannte?
Bahadir: Der Unterschied ist, dass ich in der Türkei wirklich gelernt habe, was es heißt Profi zu sein. In Österreich wird in punkto Disziplin aber oft übertrieben – zum Beispiel beim Zuspätkommen. Pünktlichkeit gehört dazu, keine Frage. Aber es kann einmal passieren, dass man zu spät kommt – in der Türkei hat man mehr Verständnis. Wir treffen uns einen Tag vor dem Spiel, da ist es kein Problem, wenn du einmal fünf Minuten zu spät kommst.
LAOLA1: Ist das eine Mentalitätsfrage?
Bahadir: Ich habe eher eine österreichische Mentalität. Ich bin in Wien geboren und aufgewachsen. Für mich ist eigentlich die Mentalität in der Türkei anders. Man geht in der Türkei aber zumindest lockerer damit um, wenn man Leistung bringt. In der Türkei zählt, was auf dem Spielfeld passiert. Das Rundherum ist nicht so wichtig. Du wirst als erwachsener Mann gesehen, der weiß, was er macht, was er isst, was er trinkt. Ob Cola oder Fanta, das muss jeder selber wissen. Heraf hat mir zum Beispiel taktisch wirklich etwas beigebracht, auch im Kraftbereich. Beim Thema Menschenführung war es nicht ideal.
LAOLA1: Du hast zwar türkische Wurzeln, aber mit der Türkei zuvor wenig zu tun gehabt. Hat es geholfen, dass du in Kayseri auf eigenen Beinen stehst? Bist du erwachsener geworden?
Bahadir: Ich bin auch in Lustenau auf eigenen Beinen gestanden. Aber ich habe in Österreich einen Fehler gemacht, und das gebe ich offen zu: Mir hat Wien wirklich gefehlt. Ich bin mit 18 nach Lustenau und war wahrscheinlich gerade in so einer Phase: Ich will fortgehen, ich will auch Spaß haben, will nicht immer nur an Fußball denken. Mit dem Alter wird man natürlich erwachsener und reifer, man weiß mehr, was man will. Und das ist das Wichtigste: Ich will wirklich Erfolg haben. Ich mache das noch jahrelang, und Fußball ist auch das, was ich will. In Österreich war mir noch nicht so bewusst, was ich im Fußball erreichen kann.
LAOLA1: Was kannst du erreichen? Wie definierst du Erfolg?
Bahadir: Erfolg wäre für mich zum Beispiel, wenn ich Champions League spiele. Oder meine Einberufung in die türkische Nationalmannschaft – und zwar nicht von irgendeinem Trainer. Fatih Terim hat die Türkei ins Semifinale der EURO geführt, mit Galatasaray den UEFA-Cup gewonnen. Er ist wirklich ein Sir.
LAOLA1: Wie verlief die Begegnung mit Fatih Terim?
Bahadir: Ich war drei Tage im Nationalteam dabei. Er hat mir sogar angeboten, dass ich bleiben kann und weiter mittrainieren darf. Ich habe aber gesagt, dass es keinen Sinn hat, wenn ich nicht spielberechtigt bin für die türkische Mannschaft. Ich wollte nicht bleiben, weil ich ehrlich gesagt schon traurig war.
http://www.laola1.at/typo3temp/pics/ad8761b96a.jpg Der Offensivspieler würde gerne für das ÖFB-Nationalteam auflaufen
LAOLA1: Seit wann hat dich der türkische Verband beobachtet?
Bahadir: Der Verband hat gewusst, dass ich für Österreich in der U21 gespielt habe. Seitdem haben sie mich immer wieder beobachtet. In dieser Saison waren sie öfters zuschauen, weil ich von Anfang an gespielt habe. Im UEFA-Cup gegen Paris St. Germain und gegen Fenerbahce sind sie richtig zuschauen gekommen – alle gemeinsam, auch Fatih Terim.
LAOLA1: Tut es dir Leid, dass es nicht geklappt hat, oder bist du auf der anderen Seite froh, weil es dir die Chance auf das österreichische Team offen hält?
Bahadir: Ich habe ehrlich gesagt nie erwartet, dass ich einmal fürs türkische Team spielen werde. Ich hatte damals die Wahl: Entweder U21 für Österreich oder die Türkei, und ich habe mich für Österreich entschieden.
LAOLA1: Weil du dich als Österreicher fühlst, weil du hier aufgewachsen bist?
Bahadir: So habe ich es immer gesehen. Weil ich jetzt aber ein Jahr in der Türkei gespielt habe, und als erstes die türkische Nationalmannschaft angefragt hat, habe ich Ja gesagt. Das ist auch klar, denn die österreichische Nationalmannschaft hat sich nie um mich gekümmert.
LAOLA1: Die türkische Liga befindet sich nur bedingt im österreichischen Fokus. Verstehst du, dass dich der ÖFB ein bisschen links liegen gelassen hat?
Bahadir: Natürlich. Ich habe in Österreich natürlich auch einen guten Ruf gehabt – ironisch gemeint (lacht). Aber im ernst: Ich bin nicht so ein Typ, wie Heraf mich darstellt. Ich mag Heraf wirklich, wir haben eine Hassliebe. Aber er war echt nicht immer korrekt zu mir. Immer wenn ich den Durchbruch schaffen konnte, hat er mir einen Stein in den Weg gelegt. So ist es zumindest bei mir rübergekommen. Aber dann hat er mich jedes Mal mitgenommen, wovon ich auch profitiert habe, ich habe auch viel gelernt von ihm. Ich kann zu einem Trainer, der auf mich steht, auch nicht Nein sagen. Aber vielleicht ist es besser, dass ich endlich von ihm weg bin. Bei ihm hat es nicht geklappt, irgendetwas hat nicht gepasst, sonst hätte ich es vielleicht früher geschafft.
LAOLA1: Du bist in dieser Woche in Österreich schlagartig zum Thema geworden. Im ÖFB könnte man sich nun tendenziell fragen, warum du für den Kader des EM-Dritten nominiert wurdest. Kann dir das helfen, vielleicht doch fürs österreichische Nationalteam zum Thema zu werden?
Bahadir: Ich hoffe. Ich würde gerne für Österreich spielen. Wie jeder Sportler möchte ich mich weiter entwickeln, und das kann man mit dem Nationalteam. Da spielt man gemeinsam mit routinierten Spielern, da lernt man viel mehr, man spielt gegen internationale Größen. Es wäre schön, und ich bin mir sicher, dass ich auch Leistung bringen würde.
LAOLA1: Das klingt selbstbewusst…
Bahadir: Ich vertraue mir selbst. Aber ich habe Zeit gebraucht. Jeder hat sein Alter. Manche werden mit 18 erfolgreich, manche mit 25, manche mit 28. Jeder Spieler braucht Geduld, irgendwann kommt seine Zeit. Manche Dinge lernt man erst später. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich mich nicht so auf Fußball konzentriert habe. Ich habe echt nicht gewusst, worum es wirklich geht. Seit ich in der Türkei bin, bin ich ganz anders geworden. Im Fußball kommt alles zurück. Mit dem türkischen Team klappt es nicht, also konzentriere ich mich auf meinen Verein und hoffe, dass ich auch ein Angebot vom österreichischen Team bekomme.
LAOLA1: Apropos Angebot. Kann es sein, dass du bei türkischen Großklubs im Notizblock stehst?
Bahadir: Wenn die Leistungen passen und es so weiter geht, ich fit bleibe, werde ich sicher Angebote bekommen. Fatih Terim hat mir gesagt: Du kannst zwar nicht für uns spielen, aber ich glaube an dich, du wirst deinen Weg gehen. Ich werde weiter machen und hart arbeiten, dass ich weiter rauf komme. Jeder Fußballer hat Ziele. Ich würde auch gerne irgendwo im Ausland spielen. Ich will, dass es jetzt weiter geht.
LAOLA1: Dein Trainer Tolunay Kafkas ist in Österreich ein alter Bekannter, er hat zum Beispiel bei Pasching gespielt. Welchen Anteil hat er?
Bahadir: Er hatte Geduld mit mir. Letzte Saison habe ich keine drei Spiele hintereinander eine Chance über 90 Minuten bekommen. Deswegen konnte ich mich nicht richtig zeigen. Dieses Jahr hat er mir gesagt: Wenn du bleibst, kriegst du deine Chancen, nütze sie. Im Cup habe ich zwei Tore gemacht, zu Hause gegen PSG bin ich rein gekommen und habe gut gespielt. In Paris habe ich 90 Minuten gut gespielt. Und der Durchbruch war quasi Fenerbahce. Ich habe das eine Jahr wirklich gebraucht, damit ich topfit werde. Ich bedanke mich auch bei Tolunay Kafkas. Ich hatte immer wieder Wehwehchen nach einem Spiel. Inzwischen könnte ich nach einem Spiel gleich das nächste spielen, so fühle ich mich. Weil ich topfit bin, habe ich auch Selbstvertrauen.
LAOLA1: Mit U21-Teamspieler Harun Erbek steht ein weiterer Österreicher im Kader von Kayserispor. Warum spielt er nie?
Bahadir: Keine Ahnung, er sitzt auf der Tribüne. Schade eigentlich, für Ried hat er in der Bundesliga noch 33 Spiele absolviert. Tolunay Kafkas hat ihn geholt, ich hoffe, er will ihn gleich wie mich aufbauen. Ich habe Harun gesagt: Ich habe ein Jahr Geduld gehabt. Halte das aus, und denke positiv, dann wird es hinhauen. Du musst hart trainieren, anders geht es eh nicht. Ich helfe ihm, wo es geht.
Das Gespräch führte Peter Altmann
Bahadir: "Fatih Terim glaubt an mich!"
http://www.laola1.at/typo3temp/pics/1c54c6e32c.jpg Turgay Bahadir verteidigt sich: "Andreas Heraf hat übertrieben"
Wien – Turgay Bahadir sehnte sich nach Heimatluft.
Also setzte er sich kurzerhand in den Flieger, um wenigstens für einen Tag in Wien sein zu können. In seiner Stadt, bei seinen Verwandten und Freunden.
Es liegen nämlich aufregende Tage hinter Bahadir. Mit der Einberufung ins türkische Nationalteam wurde der 24-Jährige auch in seinem Heimatland Österreich schlagartig zum Thema.
Fatih Terim, legendärer Coach des EURO-Semifinalisten, höchstpersönlich wollte dem Legionär von Kayserispor eine Chance geben.
Ein Einsatz in der U21 des ÖFB verhinderte die Sensation (LAOLA1 berichtete (http://www.laola1.at/135+M513e3a7f341.html)). Nicht der einzige Tiefschlag für den Mittelfeldspieler, der jüngst gegen Star-Verein Fenerbahce traf und im UEFA-Cup Paris St. Germain forderte.
Ausgerechnet sein großer Förderer Andreas Heraf, der Bahadir bei den Rapid Amateuren, in Lustenau und Schwanenstadt coachte, meldete sich in einem LAOLA1-Interview (http://www.laola1.at/135+M5cc8ae5ccc9.html) kritisch über seinen ehemaligen Schützling, zu Wort.
Eine Enttäuschung. Und gleichzeitig höchste Zeit, dass der Betroffene die turbulente Geschichte seines Fußballer-Lebens aus seiner Sicht erzählen kann.
Im LAOLA1-Interview nimmt er zu den Aussagen Herafs Stellung, und spricht zudem über seine Unterredungen mit Terim, seinen kometenhaften Aufstieg bei Kayserispor, seine Jugendsünden und seinen nun wieder intakten Traum vom ÖFB-Team.
Und trotz allem betont er: „Ich mag Heraf sehr!“
LAOLA1: Um deine Person gab es in den letzten Tagen sehr viel Rummel…
Turgay Bahadir: Das stimmt. Zuallererst möchte ich auf das LAOLA1-Interview von Andreas Heraf eingehen. Meiner Meinung nach hat er sehr übertrieben. Normal müsste er stolz sein, dass ich das geschafft habe. Wenn ich so ein Problemkind wäre, hätte er mich nicht überall hin mitgenommen. Ich verstehe nicht, warum er auf einmal so ist.
LAOLA1: Inwiefern hat er übertrieben?
Bahadir: Zum Beispiel mit den Schuhen, die Richtung sein Gesicht geflogen sein sollen – das stimmt überhaupt nicht. Das mit dem Wagerl stimmt. Aber ich habe es nur weggeschubst – und das war’s. Das war der einzige Vorfall, aber den haben wir eigentlich schon geklärt. Ich finde, Andi Heraf ist wirklich ein guter Trainer. Ich mag ihn sehr. Aber ich habe jetzt nach Heraf auch andere Trainer gesehen. Im Jugendbereich ist er vielleicht wirklich erfolgreich, denn er sieht alle Spieler als Kinder. Das hat mir damals schon nie gefallen, weil er mich immer als ein Kind gesehen hat.
LAOLA1: Was meinst du damit, dass er Spieler als Kinder sieht? Gilt das auch für Routiniers?
Bahadir: Für jeden. Er ist wie das Wetter gewesen – einmal so, einmal so. Und zwar bei jedem Spieler. Wie gesagt: Ich finde, er ist ein guter Trainer. Aber wir wissen alle, dass es zum Beispiel bei Pasching nicht geklappt hat.
LAOLA1: Warum hat es für dich in Österreich nicht geklappt?
Bahadir: Ich habe leider nicht das Glück gehabt, in Österreich eine richtige Chance zu bekommen. Ich habe bei Verletzungen auch keine richtige Reha bekommen. Ich bin nie richtig fit geworden. Das hat mich nicht nur körperlich, sondern auch psychisch behindert. Ich lebe von meiner Fitness. Ich laufe gerne, bin ein Kämpfer. Wenn ich nicht fit bin, kann ich nicht die Leistung bringen. Bevor ich zu Schwanenstadt gegangen bin, hatte ich schon ein Angebot aus der Türkei. Ich sage nicht, dass ich es bereue, dass ich geblieben bin. Aber ich hätte vielleicht ein Jahr früher gehen können. Die Arbeit an der Fitness ist in der Türkei richtig gut.
LAOLA1: Zumindest besser als bei einem heimischen Erstligisten…
Bahadir: Ich war zum Beispiel in Karlsruhe bei Mike Steverding auf Therapie. Ich habe in Schwanenstadt wirklich nicht viel Geld verdient, auch davor in Lustenau nicht. Heraf hat zwar den Kontakt zu Mike Steverding hergestellt, aber ich musste alles selbst zahlen, und das war nicht wenig. Für eine Woche Therapie musste ich 1500 Euro bezahlen, das habe ich bei Schwanenstadt vielleicht im Monat verdient. Für mich war das schwierig. Ich bin selbst sieben, acht Stunden nach Karlsruhe gefahren. Ich habe wirklich eine super Therapie bekommen. Aber ich habe eine Muskelverletzung gehabt, mit der ich drei Monate nicht einmal einen Sprint setzen, ja nicht mal schießen konnte. Bis alles verheilt war, hätte ich vielleicht eineinhalb Monate in Karlsruhe bleiben müssen. Aber ich hatte keine Geduld und kein Geld mehr.
LAOLA1: Ist der Punkt Fitness ein Hauptpunkt, warum es für dich in der Türkei besser läuft?
Bahadir: Absolut! Ich habe bei Kayserispor ein Jahr lang richtig gut gearbeitet. Ich war jeden Tag im Fitness-Center, habe meine Muskeln gestärkt. Fußball ist Gedulds- und Kopfsache. Wenn man Geduld hat, kräftig und fit ist, kann man alles erreichen, was man will.
LAOLA1: Hat es auch geholfen, dass du dort ohne Vorurteile empfangen wurdest, keiner dein Image kannte?
Bahadir: Der Unterschied ist, dass ich in der Türkei wirklich gelernt habe, was es heißt Profi zu sein. In Österreich wird in punkto Disziplin aber oft übertrieben – zum Beispiel beim Zuspätkommen. Pünktlichkeit gehört dazu, keine Frage. Aber es kann einmal passieren, dass man zu spät kommt – in der Türkei hat man mehr Verständnis. Wir treffen uns einen Tag vor dem Spiel, da ist es kein Problem, wenn du einmal fünf Minuten zu spät kommst.
LAOLA1: Ist das eine Mentalitätsfrage?
Bahadir: Ich habe eher eine österreichische Mentalität. Ich bin in Wien geboren und aufgewachsen. Für mich ist eigentlich die Mentalität in der Türkei anders. Man geht in der Türkei aber zumindest lockerer damit um, wenn man Leistung bringt. In der Türkei zählt, was auf dem Spielfeld passiert. Das Rundherum ist nicht so wichtig. Du wirst als erwachsener Mann gesehen, der weiß, was er macht, was er isst, was er trinkt. Ob Cola oder Fanta, das muss jeder selber wissen. Heraf hat mir zum Beispiel taktisch wirklich etwas beigebracht, auch im Kraftbereich. Beim Thema Menschenführung war es nicht ideal.
LAOLA1: Du hast zwar türkische Wurzeln, aber mit der Türkei zuvor wenig zu tun gehabt. Hat es geholfen, dass du in Kayseri auf eigenen Beinen stehst? Bist du erwachsener geworden?
Bahadir: Ich bin auch in Lustenau auf eigenen Beinen gestanden. Aber ich habe in Österreich einen Fehler gemacht, und das gebe ich offen zu: Mir hat Wien wirklich gefehlt. Ich bin mit 18 nach Lustenau und war wahrscheinlich gerade in so einer Phase: Ich will fortgehen, ich will auch Spaß haben, will nicht immer nur an Fußball denken. Mit dem Alter wird man natürlich erwachsener und reifer, man weiß mehr, was man will. Und das ist das Wichtigste: Ich will wirklich Erfolg haben. Ich mache das noch jahrelang, und Fußball ist auch das, was ich will. In Österreich war mir noch nicht so bewusst, was ich im Fußball erreichen kann.
LAOLA1: Was kannst du erreichen? Wie definierst du Erfolg?
Bahadir: Erfolg wäre für mich zum Beispiel, wenn ich Champions League spiele. Oder meine Einberufung in die türkische Nationalmannschaft – und zwar nicht von irgendeinem Trainer. Fatih Terim hat die Türkei ins Semifinale der EURO geführt, mit Galatasaray den UEFA-Cup gewonnen. Er ist wirklich ein Sir.
LAOLA1: Wie verlief die Begegnung mit Fatih Terim?
Bahadir: Ich war drei Tage im Nationalteam dabei. Er hat mir sogar angeboten, dass ich bleiben kann und weiter mittrainieren darf. Ich habe aber gesagt, dass es keinen Sinn hat, wenn ich nicht spielberechtigt bin für die türkische Mannschaft. Ich wollte nicht bleiben, weil ich ehrlich gesagt schon traurig war.
http://www.laola1.at/typo3temp/pics/ad8761b96a.jpg Der Offensivspieler würde gerne für das ÖFB-Nationalteam auflaufen
LAOLA1: Seit wann hat dich der türkische Verband beobachtet?
Bahadir: Der Verband hat gewusst, dass ich für Österreich in der U21 gespielt habe. Seitdem haben sie mich immer wieder beobachtet. In dieser Saison waren sie öfters zuschauen, weil ich von Anfang an gespielt habe. Im UEFA-Cup gegen Paris St. Germain und gegen Fenerbahce sind sie richtig zuschauen gekommen – alle gemeinsam, auch Fatih Terim.
LAOLA1: Tut es dir Leid, dass es nicht geklappt hat, oder bist du auf der anderen Seite froh, weil es dir die Chance auf das österreichische Team offen hält?
Bahadir: Ich habe ehrlich gesagt nie erwartet, dass ich einmal fürs türkische Team spielen werde. Ich hatte damals die Wahl: Entweder U21 für Österreich oder die Türkei, und ich habe mich für Österreich entschieden.
LAOLA1: Weil du dich als Österreicher fühlst, weil du hier aufgewachsen bist?
Bahadir: So habe ich es immer gesehen. Weil ich jetzt aber ein Jahr in der Türkei gespielt habe, und als erstes die türkische Nationalmannschaft angefragt hat, habe ich Ja gesagt. Das ist auch klar, denn die österreichische Nationalmannschaft hat sich nie um mich gekümmert.
LAOLA1: Die türkische Liga befindet sich nur bedingt im österreichischen Fokus. Verstehst du, dass dich der ÖFB ein bisschen links liegen gelassen hat?
Bahadir: Natürlich. Ich habe in Österreich natürlich auch einen guten Ruf gehabt – ironisch gemeint (lacht). Aber im ernst: Ich bin nicht so ein Typ, wie Heraf mich darstellt. Ich mag Heraf wirklich, wir haben eine Hassliebe. Aber er war echt nicht immer korrekt zu mir. Immer wenn ich den Durchbruch schaffen konnte, hat er mir einen Stein in den Weg gelegt. So ist es zumindest bei mir rübergekommen. Aber dann hat er mich jedes Mal mitgenommen, wovon ich auch profitiert habe, ich habe auch viel gelernt von ihm. Ich kann zu einem Trainer, der auf mich steht, auch nicht Nein sagen. Aber vielleicht ist es besser, dass ich endlich von ihm weg bin. Bei ihm hat es nicht geklappt, irgendetwas hat nicht gepasst, sonst hätte ich es vielleicht früher geschafft.
LAOLA1: Du bist in dieser Woche in Österreich schlagartig zum Thema geworden. Im ÖFB könnte man sich nun tendenziell fragen, warum du für den Kader des EM-Dritten nominiert wurdest. Kann dir das helfen, vielleicht doch fürs österreichische Nationalteam zum Thema zu werden?
Bahadir: Ich hoffe. Ich würde gerne für Österreich spielen. Wie jeder Sportler möchte ich mich weiter entwickeln, und das kann man mit dem Nationalteam. Da spielt man gemeinsam mit routinierten Spielern, da lernt man viel mehr, man spielt gegen internationale Größen. Es wäre schön, und ich bin mir sicher, dass ich auch Leistung bringen würde.
LAOLA1: Das klingt selbstbewusst…
Bahadir: Ich vertraue mir selbst. Aber ich habe Zeit gebraucht. Jeder hat sein Alter. Manche werden mit 18 erfolgreich, manche mit 25, manche mit 28. Jeder Spieler braucht Geduld, irgendwann kommt seine Zeit. Manche Dinge lernt man erst später. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich mich nicht so auf Fußball konzentriert habe. Ich habe echt nicht gewusst, worum es wirklich geht. Seit ich in der Türkei bin, bin ich ganz anders geworden. Im Fußball kommt alles zurück. Mit dem türkischen Team klappt es nicht, also konzentriere ich mich auf meinen Verein und hoffe, dass ich auch ein Angebot vom österreichischen Team bekomme.
LAOLA1: Apropos Angebot. Kann es sein, dass du bei türkischen Großklubs im Notizblock stehst?
Bahadir: Wenn die Leistungen passen und es so weiter geht, ich fit bleibe, werde ich sicher Angebote bekommen. Fatih Terim hat mir gesagt: Du kannst zwar nicht für uns spielen, aber ich glaube an dich, du wirst deinen Weg gehen. Ich werde weiter machen und hart arbeiten, dass ich weiter rauf komme. Jeder Fußballer hat Ziele. Ich würde auch gerne irgendwo im Ausland spielen. Ich will, dass es jetzt weiter geht.
LAOLA1: Dein Trainer Tolunay Kafkas ist in Österreich ein alter Bekannter, er hat zum Beispiel bei Pasching gespielt. Welchen Anteil hat er?
Bahadir: Er hatte Geduld mit mir. Letzte Saison habe ich keine drei Spiele hintereinander eine Chance über 90 Minuten bekommen. Deswegen konnte ich mich nicht richtig zeigen. Dieses Jahr hat er mir gesagt: Wenn du bleibst, kriegst du deine Chancen, nütze sie. Im Cup habe ich zwei Tore gemacht, zu Hause gegen PSG bin ich rein gekommen und habe gut gespielt. In Paris habe ich 90 Minuten gut gespielt. Und der Durchbruch war quasi Fenerbahce. Ich habe das eine Jahr wirklich gebraucht, damit ich topfit werde. Ich bedanke mich auch bei Tolunay Kafkas. Ich hatte immer wieder Wehwehchen nach einem Spiel. Inzwischen könnte ich nach einem Spiel gleich das nächste spielen, so fühle ich mich. Weil ich topfit bin, habe ich auch Selbstvertrauen.
LAOLA1: Mit U21-Teamspieler Harun Erbek steht ein weiterer Österreicher im Kader von Kayserispor. Warum spielt er nie?
Bahadir: Keine Ahnung, er sitzt auf der Tribüne. Schade eigentlich, für Ried hat er in der Bundesliga noch 33 Spiele absolviert. Tolunay Kafkas hat ihn geholt, ich hoffe, er will ihn gleich wie mich aufbauen. Ich habe Harun gesagt: Ich habe ein Jahr Geduld gehabt. Halte das aus, und denke positiv, dann wird es hinhauen. Du musst hart trainieren, anders geht es eh nicht. Ich helfe ihm, wo es geht.
Das Gespräch führte Peter Altmann